Topic-icon Die Retro-Spiel(e)ecke im Forum

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3 Jahre 11 Monate her #29161 von Arrow
Arrow erstellte das Thema Die Retro-Spiel(e)ecke im Forum
Hier geht’s um Spieleperlen vergangener Tage, sämtlicher Genres und Plattformen gleichermaßen. Die alte „Power Play“ muss nicht wieder herausgekramt werden, aber um die zehn Jahre sollten die Titel schon auf dem Buckel haben, damit der Retro-Anspruch einigermaßen gerechtfertigt ist.
Frei nach Jochen Malmsheimer:„Früher war überhaupt nichts besser, aber es gab Dinge, die waren früher gut.“
Ich mache mal den Anfang mit ... *Staubfilm vom Karton wisch* ...

Star Trek: 25th Anniversary

Was wären die 90er nur ohne ihre klassischen Point&Click-Adventures in knallbunter VGA-Grafik? Star Trek 25th Anniversary von Interplay erschien im Jahr 1992 für den PC anlässlich des titelstiftenden 25. Jubiläums des Franchise. Dieser fällt streng genommen auf das Jahr `91, und das liegt nun auch schon wieder 25 Jahre zurück. Ein passender Zeitpunkt für einen kleinen Rückblick!
Der Titel war beileibe nicht der erste im ST-Universum, aber definitiv das erste Grafikadventure zur Originalserie (TOS) und ein klassischer Vertreter seiner damaligen Genrekollegen. Statt einer großen, zusammenhängenden Geschichte gibt es sieben aufeinander folgende Missionen im Stil von TOS-Episoden für Captain Kirk und seine Crew. Diese werden auch stets auf die gleiche Weise eingeläutet, wie man es aus der Serie kennt: Die Enterprise schwebt in einem kleinen Vorspann über den Bildschirm, der Titel des Kapitels wird eingeblendet und schon befindet man sich auf der Kommandobrücke mit Blick auf den Hauptbildschirm nebst Sternenmeer. Mit der Maus lassen sich die einzelnen Stationen bzw. die Besatzungsmitglieder anwählen und die passenden Aktionen ausführen: Sulu aktiviert auf Befehl die Schilde, Chekov die Waffen und Uhura stellt, sofern verfügbar, die Funkverbindung her. Ein Tastendruck lässt den Spieler auch direkt die Steuerung übernehmen und die Waffen abfeuern. Noch bevor das Adventure seinem Namen gerecht wird, zeigt sich, dass das Spiel einen primitiven Minimal-Flugsimulator unter der Haube hat. Fliegen und Ballern fast wie im viel späteren Titel „Starfleet Academy“ gab’s somit bereits im ersten Adventure, und das wurde im Verlauf noch bitter nötig! Doch in der Regel erfolgt an dieser Stelle meist der Einsatzbefehl vom Sternenflottenkommando, das die Enterprise zur Klärung des Problems X zum Planeten Y beordert. Simpel, aber pfiffig war der damalige Kopierschutz allemal: Nur im Spielhandbuch befand sich die beschriftete Sternenkarte, auf der man das richtige Sonnensystem ausfindig machen konnte, um es danach im Spiel auf dem Navigationbildschirm anzuklicken. Besaß man die Karte nicht, blieb nur Trial&Error mit den dutzenden anderen Pünktchen auf der Navigationsschirm übrig. Im falschen System gelandet, wurde man sofort von Romulanern, Klingonen oder Elasi-Piraten angegriffen. Für viele Spieler sicher nerviger als der Weg zum nächsten Fotokopiergerät. Die gab es damals nicht an jeder Ecke ...

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Der Kern fast jeder Star Trek-Episode waren schon immer die Außenmissionen auf fremden Planeten, Raumschiffen oder Stationen, und genau dort kommt das Adventure zu seinem Recht. Mit Kirk, Spock, McCoy und dem obligatorischen Rothemd der Sicherheitsabteilung löst man klassische Such-, Kombiniations-, Puzzle- oder Schalterrätsel und führt zahlreiche Gespräche mit alternativen Antwortmöglichkeiten. Auch wenn man letztlich der Captain ist, spielt man doch immer sämtliche Mitglieder seines Außenteams, da jede gewählte Aktion im Befehlsmenü die entsprechende Figur handeln lässt. Spock scannt die Umgebung mit seinem Tricorder und gibt seine Analysen zum Besten, Pille ist für die Gesundheit zuständig und den Phaser zieht wahlweise Kirk oder der Mann im roten Hemd. Sämtliche Dialoge werden in der ursprünglichen Floppy-Version (8 Disketten) als Textfenster eingeblendet; das sollte sich erst mit der CD-Version ändern, doch dazu komme ich noch. Der Schwierigkeitsgrad von ST:25A ist eher moderat – LucasArts-Veteranen wurden wesentlich härter gefordert. Das ein oder andere knackige Rätsel gibt es natürlich auch hier zu lösen, aber allgemein ließ es Interplay sehr gemäßigt angehen. Kinderleicht ist es jedoch noch lange nicht, und als jemand, der über „Maniac Mansion“ damals beinahe den Verstand verloren hätte, trifft es genau meinen Geschmack: Entspanntes Grübeln mit Kirk und Co. TOS-Kenner und Fans kommen übrigens voll auf ihre Kosten, denn die sieben Episoden lassen so einige alte Bekannte aus der Originalserie wieder auftreten und enthalten eine Vielzahl von Referenzen. Zu komplexe Geschichten darf man freilich nicht erwarten, denn die Abenteuer sind (notgedrungen) noch simpler gehalten als die meisten TOS-Episoden, doch immer gibt es eine Grundbotschaft bzw. ein Konzept, das direkt aus der Serie stammen könnte.

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In anderen Belangen überrascht ST:25A dann wieder durch seine Vielschichtigkeit. Sämtliche Missionen können nämlich ganz unterschiedlich gelöst werden. Dies wird einem spätestens bei der abschließenden Missionsbewertung am Ende vor Augen geführt, wenn man vom Oberkommando eine knallharte Prozentwertung ausgestellt bekommt. Jede Dialogentscheidung, jeder Verlust von „Redshirts“ und jede minimale Nachlässigkeit wird hierfür einkalkuliert. Selbst ein scheinbar perfekt harmonisches Finale lässt am Ende gerne mal unverständliche 89% dastehen, ohne dass ein Grund dafür erkennbar wäre. Eine Ideallösung für jede Mission existiert ohne Zweifel, und oft entscheidet bereits eine leicht abweichende Dialogauswahl zwischen „perfekt“ und nur „sehr gut“. Das lädt zum Experimentieren ein, was manchmal schlicht notwendig ist, da man auch mal total versagt. Zu oft niedrige Wertungen zu bekommen, kann im Spiel übrigens schnell zum Game Over und zum Ende des Kommandos von Kirk führen. Manchmal reicht dafür schon eine einzige falsche Bemerkung des Captains.

Ein unterkomplexes Simpel-Adventure ist ST:25A bei weitem nicht. Alle paar Jahre spiele ich es über DosBox aufs neue und ständig entdecke ich weitere Features, die mir beim einmaligen Zocken nie und nimmer aufgefallen wären. Z.B. entpuppt sich Spocks Bibliothekscomputer auf der Enterprise-Brücke als eine vollwertige Datenbank-Suchmaschine zum Thema Star Trek, die zwar heute (memory-alpha) primitiv erscheint, aber in gedruckter Form damals einige Mark gekostet hätte. Das Ding spuckt wirklich eine ganze Menge von kanonischen Informationen aus!

Auf die klassische Floppy-Version von ST:25A folgte schließlich noch eine CD-Edition, für die fast alle Originaldarsteller ihre Stimmen zur Verfügung stellten. Heute wäre so etwas schon gar nicht mehr möglich. Sämtliche Dialoge wurden ordentlich vertont und machten das Blättern durch die teils langen Textblöcke unnötig. Deutsche Texteinblendungen waren natürlich ebenfalls vorhanden. Dazu erklangen nun die originalen Soundeffekte aus Paramounts Tonarchiven, was das TOS-Gefühl noch mal intensivierte. Die größte inhaltliche Änderung der CD-Version betraf allerdings die letzte Mission, die massiv erweitert und damit stark verbessert wurde. Bestand diese im Floppy-Original noch aus einem eher kurzen Ausflug auf die schwer beschädigte USS Republic, so gab es an Bord nun zahlreiche Aufgaben zu erfüllen, die den Spieler quer durch das halbtote Schiff führten und vor knifflige Entscheidungen stellten. Allein diese erweiterte Mission war mir vor ein paar Jahren die 4,99.- für die CD-Edition wert. Inzwischen ist sie über GoG oder Steam verfügbar.

Ich kann das Spiel allen Fans klassischer Adventures nur empfehlen, ob Trekkie oder nicht. Für 5-6 € ist es derzeit zu haben; im Zweifelsfall nimmt man es vielleicht bei einer Preisaktion für wirklich kleines Geld mal mit. Die ST-Atmosphäre ist ebenso da wie der Retro-Charme, den man mit klassischen Adventures verbindet. Und ja: Weltraumaction gab’s bei Star Trek tatsächlich schon im Jahr 2 nach Wing Commander! 1993 erschien übrigens der Nachfolger „ST: Judgement Rites“, der heute ebenfalls wieder erhältlich ist. Über den schreibe ich aber ein andermal.

"Ich würde immer eine Maschine bevorzugen, die um einen schweren Jäger Kreise fliegen kann, wenn es sein muss.“ Alec "Ninja" Crisologo, Wing Commander Saga

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